Horst Schimanksi und Zahnschmerzen, das gehört für mich zusammen. Wieso? Man ist nach meiner festen Überzeugung in einer Stadt erst wirklich angekommen, wenn man in ihr eine Wurzelbehandlung
erlebt hat. Mir fehlt nun im Dreiklang „New York – Rio – Tokyo“ nur noch Rio. 2005 musste ich mal in Manhattan einen großväterlichen Dentisten in meinen Kanälen rumbohren lassen. Nun habe ich in
Tokio nach der zweiwöchigen Quarantäne, die sich an meine Sommerfrische in Deutschland anschloss, gleich in der ersten Nacht brutale Zahnschmerzen bekommen.
Auch eine Turnierpackung Aspirin brachte keine Linderung. Nur eiskaltes Wasser in der Backentasche half ein wenig. Nun hat eiskaltes Wasser die Eigenschaft, nicht lange eiskalt zu sein. Alle drei
Minuten musste ich nachtanken. Und etwa alle halbe Stunde der Natur ob der starken Wasserzufuhr durch Wasserabfuhr Tribut zollen. An Schlaf war nicht zu denken. Entweder musste ich nachtanken,
entsaften oder vor Schmerz schreien, oder ich verschluckte mich im Halbschlaf am Wasser, oder mir lief ausgesabbertes Eiswasser den Hals herab und beendete das entkräftete Wegdämmern. In den
frühen Morgenstunden fand ich etwas Schlaf und ging am Tag sofort zum Zahnarzt, der die zu behandelnde Wurzel zielsicher identifizierte und nicht etwa behandelte, sondern Schmerzmittel und
Antibiotika verschrieb und mich für den kommenden Montag wieder einbestellte. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen waren die Schmerzen in dem Moment verschwunden, in dem ich auf dem
Behandlungsstuhl Platz nahm.
Am Abend traten sie umso vehementer wieder auf. Ich begann wieder die Eiswassertherapie, hielt die Nachbarschaft mit meiner Schreitherapie informiert und versuchte mich im Übrigen mit insgesamt
drei frühen Schimanski-Folgen abzulenken. Nun sind die Schimanski-Tatorte zwar durchaus vielschichtig, aber nicht derart komplex, dass man ihnen nicht auch im Schmerzdelirium folgen könnte. Ich
konnte es freilich nicht. Im Wesentlichen erinnere ich mich an eine skurrile Szene in einer epochengerecht verqualmten Eckkneipen, in der Götz George und Günther Maria Halmer am helllichten Tage
kübelweise Sekt trinken und dann ziemlich ansatzlos, aber umso ekstatischer zu „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen (der punkige Song von Stinker, nicht dieser entsetzliche Brüllschlager von
Halleluja) mit- und um einander tanzen. Ich musste schreien, vor Schmerz und Freude über diese umwerfende Szene, die man bei YouTube unter „Schimanski Party Hard“ findet. Ich meine noch zu erinnern, dass Halmer
irgendwie doch ein bisschen böse war, am Ende aber an einem fernen Strand von Schimanski aufgespürt wird. Schimi in seiner Schimi-Jacke am Strand, was für ein absurder Anblick.
Wiederum schlief ich in den frühen Morgenstunden entkräftet ein und ging am Vormittag erneut zum Zahnarzt. Man erbarmte sich meiner und nahm die ersehnte Wurzelbehandlung (was für ein Wortpaar:
ersehnte Wurzelbehandlung!) vor, übrigens sehr effizient und nach derselben Methode, die ich aus New York und zahlreichen deutschen Zahnarztpraxen kenne. Seither bin ich schmerzfrei. Und doch
traue ich mich nicht, die nächste Schimanski-Folge (damals nannte man die noch nicht Episoden) anzuschauen. Es wäre „Das Mädchen auf der Treppe“ an der Reihe mit Anja Jaenicke in der Rolle des,
genau: Mädchens auf der Treppe. Auch so eine Schauspielerin, bei der man sich – in langen, schmerzdurchwachten Nächten – fragt, was aus ihr geworden ist. Letzte Filmrolle 1997. Sie hat wohl sechs
Lyrikbände in englischer Sprache verfasst. Für mich nicht wirklich eine Alternative zu Zahnschmerzen.
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