Gestern war mir aus nachvollziehbaren Gründen karnevalesk zumute. Nun sind die Japaner in Sachen Karneval ähnlich feierwütig wie die Hamburger, nämlich gar nicht. Also habe ich meine närrischen
Neigungen quasi gekontert, indem ich — selbstredend mit unversehrter Krawatte — in die Suntory Hall zu einem Konzert von Anne-Sophie Mutter gegangen bin. Frau Mutter, auf Japanisch quasi
お母さん、gibt hier gerade aus Anlass des 250. Geburtstags von Ludwig van, wie wir Droogies sagen, eine Reihe von Konzerten und Meisterklassen.
Meine Erkenntnisse:
1. Klassikkonzerte sind hier wohl mehr Rock & Roll als Rockkonzerte. Während kürzlich beim Queen-Konzert alles pünktlich um 18 Uhr auf den Plätzen saß, ging es gestern überhaupt erst
mitternachtsnah, also um 19 Uhr los und erschienen die sonst doch so pünktlichkeitsversessesenen Japaner zum Teil erst um fünf nach sieben. Ts!
2. Die Japaner sind während des Konzerts deutlich leiser als die Hamburger Elbphilharmonie-Besucher, die einem Konzert ja lieber fernbleiben, wenn sie nicht unter einem ordentlichen Katarrh
leiden. Aber auch im disziplinierten japanischen Publikum findet sich verlässlich jemand, der an der leisesten, intensivsten Stelle des gesamten Konzerts beherzt zu husten weiß.
3. Der Applaus — übrigens durchgehend an den richtigen Stellen — ist dann umso ausdauernder und frenetischer. Es reißt so manche aus den Sesseln. Und womit?
4. Mit Recht! Die in jeder Hinsicht wunderbare Frau Mutter, sozusagen die ehrwürdige Mutter, begeistert auch in Tokio mit Charisma, Können und Kostüm. Mir schien es dabei, als habe sie im
Unterschied zu ihren Konzerten, die ich in Deutschland erleben durfte, ihre Körpersprache und Gestik amplifiziert. Da wird mitunter beim Warten auf den Einsatz und Dem-Orchester-Lauschen
regelrecht getanzt und der Oberkörper in ansatzekstatische Bewegung versetzt. Das mag auch daran liegen, dass...
5. ...das augenscheinlich vollständig japanisch besetzte Orchester „New Japan Philharmonic“ eher kontrolliert wirkt. Da wird tunlichst darauf geachtet, die Luft nur durch die Instrumente in
Bewegung zu versetzen, nicht aber durch Veränderungen der Körperhaltung.
6. Die Akkustik kann nach meiner laienhaften Einschätzung mit der der Elbphilharmonie nicht mithalten. Ich saß recht zentral in der 10. Reihe und konnte Frau Mutter und — beim Tripelkonzert —
Daniel Müller-Schott am Cello und Lambert Orkis am Piano zwar gut hören, musste mir z.B. aber bei den Forte-Passagen des Orchesters das Forte selbst hinzudenken.
7. Ich war schon zu lange nicht mehr bei einem Klassikkonzert gewesen. Schon das A der Oboe beim Stimmen verursachte bei mir ein Entzücken wie sonst ein lauer Sommerwind im Schritt eines
pubertierenden Jünglings.
8. Erfreulicherweise stürmen die Japaner am Ende des Konzerts nicht wie die deutschen Reisegruppen, die auch mal die Elbphilharmonie gesehen und vielleicht sogar gehört haben wollen, schon beim
einsetzenden Schlussapplaus in Heerscharen zur Garderobe, um sich endlich mal einen Vorteil gegenüber ihren Mitbürgern verschaffen und zu Kulenkampffs Nachtgedanken zu Hause sein zu können.
9. Insgesamt: Ein sehr gelungener Abend.
10. Was wäre ich gestern gerne auf der Ratinger gewesen.
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