· 

Süchtig

Süchtig! Nun hat es mich doch erwischt! Und schlimmer noch: Meine Frau auch. Man hatte von Suchtfällen in der Expat-Community gehört. Von zwei namenlosen deutschen Frauen, die schon am Morgen anfingen, kurz nachdem sie ihre Kinder zum Schulbus gebracht hatten. Und dann im letzten Sommer nach Deutschland zurückkehrten, um sich geradewegs in eine Betty-Ford-Klinik einzuweisen.
Nun, so weit sind meine Liebste (die natürlich identisch ist mit der oben erwähnten Frau) und ich noch nicht. Aber das Verlangen ist oft übermächtig, und unsere Körper zahlen einen hohen Preis. Es trifft vor allem die Stimmbänder, aber auch die Nacken- und Wadenmuskulatur wird enormen Anforderungen ausgesetzt. 
Karaoke macht süchtig. Hat man einmal mit der Krakeelerei angefangen, will man nicht mehr davon lassen. An jedem heiteren Abend in einer Izakaya, einer der japanischen Snack-Kneipen, übermannt einen und überfraut eine irgendwann das Bedürfnis, sich noch ein bisschen auszutoben. Da es an jeder Ecke einen Karaoke-Laden gibt und das Angebot niedrigschwellig und erschwinglich ist, findet sich die Feiergemeinde schnell in einem der schummrigen Separees für vier bis gut zehn Personen ein, die ersten Gassenhauer sind schnell ausgewählt, und los geht’s.
Man exponiert sich dabei natürlich gehörig, aber man ist unter sich, alle grölen mit, jede und jeder hält mal eins der zwei Mikros, die Stimmung steigt mit jedem neuen Bier-Pitcher, der von eifrigen, akustisch besonders leidensfähigen Geistern hereingetragen wird. Denn man macht natürlich Nomihōdai – einer der essenziellen Begriffe des hiesigen Gemeinwesens: Flat-Rate-Trinken.
Man liegt sich in den Armen, steigt gemeinsam – Schuhe aus! – auf die Sofas und freut sich bannig, wenn jemand eine Hymne wählt, an die man schon viel zu lange nicht mehr gedacht hat. Und deren Refrain natürlich sofort textsicher mitgesungen oder allemal improvisiert werden kann. Ja, die Strophen und die tückischen Bridges sind einem doch oft fremder, als man vermutet hätte. Mancher Hit entpuppt sich zwischen den Refrain-Fanfaren als melodisch, harmonisch, rhythmisch vertrackt. Aber was soll’s, wir sitzen, wir singen alle im selben Boot. Und beim unausweichlichen nächsten Mal läuft’s garantiert besser. Unsere japanische Freundin Hiroko, von uns liebevoll Girokonto genannt, weil die Autokorrektur des iPhone es so will, ist ganz kurz davor, „The River“ von Bruce Springsteen mitzusingen. Sie findet aber „Shout To The Top“ von The Style Council doch schöner, als “down to the river” zu gehen. Das entspricht auch eher dem ausgelassenen Gemüt aller japanischen Feierwütigen.
Das Ganze ist noch gemeinschaftlicher, verbindender als ein Tanzabend in der Disco und erfährt seine Apotheose beim sogenannten Banka, kurz für Band-Karaoke. Hier singt man dann doch einmal vor fremdem Publikum, mit einer live spielenden Band im Rücken. Das haben wir uns noch nicht getraut und das auch deshalb nicht, weil die Japanerinnen und Japaner eben nicht mitgrölen und man so mit seinem ganzen Unvermögen doch recht allein auf der Bühne sein dürfte. Es gilt nämlich hier als unhöflich, den Leuten am Mikrophon nicht die Bühne, die Show, das Rampenlicht und eben auch die Blamage komplett zu überlassen. Aber halt: Man kann sich eigentlich nicht blamieren, weil es eben nicht um Schön- und Gut- und Richtigsingen geht, sondern um Leidenschaft, Heiterkeit und Begeisterungsfähigkeit.
Unlängst haben wir an einem handelsüblichen Mittwoch spontan zu viert gute zwei Stunden geträllert. Als wir dann beschwingt das Etablissement verließen, wurden wir von zwei deutlich angetrunkenen, aber äußert heiteren und selbstredend sympathischen Japanern angesprochen. Erste, weil wichtigste Frage: „Where are you from?“ Man erlebt nicht selten auf die Antwort „From Germany“ wahre Begeisterungsstürme, wohl auch weil damit klar wird, dass man nicht aus der ehemaligen Besatzungsmacht USA kommt. 
Der Begeisterungssturm war hier ein Orkan. Unser Freund Lars wurde von dem größeren und weniger betrunkenen der beiden Herren regelrecht unter den Arm geklemmt und mit den Worten: „You will drink with us!“ in den Keller des Gebäudes verschleppt, in dem sich eine ganze Reihe von rustikalen Izakayas verbarg. Und was soll ich sagen? Wir hatten zwei weitere fantastische Stunden mit vier Japanern unterschiedlichen Alters, Englisch- und Alkoholisierungsniveaus, aber gleicher Ausgelassenheit, Zugänglichkeit und Spendierfreude. Der Verschlepper – ob seines Pferdschwanzes und dunklen Teints von uns „der Indianer“ genannt – ließ es sich gelegentlich angefallen, Lars völlig ansatz- und grundlos liebevoll in die Schädeldecke zu beißen. Kurz: Ein großer Spaß! Und wäre es nicht inzwischen ein Uhr morgens gewesen, wären wir wohl nochmal Karaoke singen gegangen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Chrischan (Dienstag, 08 Februar 2022 08:11)

    Großartig - Jochen, ich werde Dir bei nächster Gelegenheit als Zeichen meiner Sympathie auch mal in die Schädeldecke beißen.
    Hier soll NIEMAND behaupten, ich könne mich nicht auf einen andere Kulturkreis einstellen!