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Strike!

Ich dachte immer, Baseball ist langweilig. Nun war ich kürzlich zum ersten Mal bei einem Spiel. Und was soll ich sagen? Das Spiel ist tatsächlich langweilig. Und doch habe ich mich gut amüsiert. Wieso?

 

Nun, mein lieber Freund A hatte Karten für ein Spiel der Yakult Swallows organisiert, freilich ohne preiszugeben, dass es sich um ein Baseball-Spiel handelte. Die Assoziationen schossen ins Kraut. Wer hat denn schon präsent, dass es sich bei Swallows um Schwalben und den Kampfnamen einer Tokioter Baseball-Mannschaft handelt?

 

Die Schwalben spielten gegen die Softbank Hawks aus Fukuoka. Schwalben gegen Falken, Joghurt gegen Handys – ein ungleicher Kampf. Die Schwalben sind indes Fanlieblinge. Sie spielen in einem wunderbar altmodischen, unorthodox angelegten Stadion mitten in der Stadt und sind die klassischen Underdogs. Der Connaisseur, etwa der bemerk- und lesenswerte Nationalromancier Haruki Murakami, zieht sie den chronisch erfolgreicheren Tokyo Giants vor. Die spielen im Tokyo Dome mit verschließbarem Dach, pah! Das scheint mir so ein bisschen wie HSV vs St. Pauli zu sein. (Murakami ist übrigens auch ein Vinyl-Maniker, guckst Du hier.)

 

Ich hatte mich auf den Besuch des Spiels gewissenhaft vorbereitet – indem ich auf dem Weg zum Stadion die Baseball-Regeln auf Wikipedia angelesen und vor dem Stadion eine Kappe der Swallows gekauft hatte. Der Besuch des Spiels selbst war dann geradezu sinnbildlich für den Umgang des Landes mit der Pandemie und manchem mehr. Alle tragen Maske, sitzen aber dichtgedrängt beieinander. Jubeln ist verboten wegen des Aerosol-Orkans, der dadurch ausgelöst würde. Da hilft es, dass die Swallows-Fans ihr Wohlgefallen traditionell dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie einen eigens erworbenen Mini-Schirm auch bei schönsten Sonnenwetter nach einem gelungenen Schlag aufspannen und gemäßigt euphorisch und geräuscharm auf und ab bewegen. Das ist ein einzigartiger, das Herz weitender Anblick.

 

Dem Publikum ist es während des Spiels angelegen, sich ungeachtet der Maske und der nachmittäglichen Stunde innerhalb kürzester Zeit Bier in erstaunlichen Mengen einzuverleiben. Ich spucke bekanntlich nicht ins Glas und bin einen Kopf größer als der durchschnittliche Japaner und gefühlt doppelt so schwer. Und dennoch und trotz der Horden von ständig um einen herumwuselnden fliegenden Bierhändlerinnen – übrigens aller gängigen Marken – gelang es mir auch mit viel gutem Willen nicht, bei der Berauschung Schritt zu halten. Das ermöglichte uns immerhin, den ungefährdeten Sieg der Swallows im Anschluss bei noch einigermaßen klarem Verstand in einem nahen Pub gebührend zu feiern. Dass es sich nur um ein Freundschaftsspiel gehandelt hatte, war uns bis dahin unbewusst gewesen, nun aber auch egal. Der herrliche Tag klang (sic!) erwartungsgemäß bei enthemmtem Karaoke aus.

 

 

Langweile kann kaum schöner sein. 


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