Beams Records — Weniger ist mehr

Weniger ist mehr. Weniger ist mehr? Das gilt nicht – natürlich nicht – für unsere Plattensammlungen. Aber gilt es vielleicht für Plattenläden? Bei „Beams Records“ in Harajuku, dem Teenager-, Trend- und Boutiquen-Stadtteil von Tokio, scheint man fest davon überzeugt zu sein – oder sich schlicht keine größere Ladenfläche leisten zu können. Auf schrittvermessenen vier mal fünf Metern werden Tonträger eher kuratiert, als zum Verkauf angeboten. An zwei Wänden stehen einzelne Vinylexemplare zur Ansicht bereit, an einer Wand wenige CDs, und eine Wand ist – aufmerksam Lesende ahnen es – das Schaufenster. Mitunter verbirgt sich hinter dem Ansichtsexemplar des Tonträgers noch eine Reserve, meist aber nicht. Dabei handelt es sich durchaus nicht um Raritäten, sondern ganz überwiegend um Neuerscheinungen, die von den Inhaberinnen sehr eklektisch zusammengestellt werden. Ich habe bei meinem letzten Besuch zum Beispiel die langgesuchte, weil überall ausverkaufte „Not Your Muse“ von Celeste erstanden, ebenso einen Sampler mit japanischer Klubmusik und eine Scheibe mit japanischem Jazz. 

Die beiden Letztgenannten wurden mir von einer der beiden Fachkräfte im Laden empfohlen. Das Personal zeichnet sich dadurch aus, dass es sehr kundig ist, sich von Christof und André (und, ja, auch von mir) allerdings dadurch unterscheidet, dass es jung, weiblich und vor allem ansprechend oder überhaupt frisiert ist. Da die Damen natürlich stets maskiert sind, traue ich mir kein abschließendes Urteil über ihre Attraktivität zu, das natürlich ohnehin fehl am Platz und mir wahrscheinlich als anzüglich und unzeitgemäß vorgeworfen würde. Und womit? Mit Recht. Etwaiger Kritik entgegne ich allerdings, dass ich in einem meiner nächsten Berichte, nämlich dem über Tower Records, durchaus auch die Attraktivität des dortigen männlichen Personals einer kritischen Würdigung unterziehen werde.

Zurück zu „Beams“. Beim Betreten des Ladens wird man nicht nur, wie überall in Japan üblich, herzhaft mit „Irasshaimaise“ angeschrien, das bedeutet in etwa „Hereinspaziert“. Es wird auch zuverlässig jedes Mal angeboten, jede Platte von Interesse anzuhören. Das Angebot nehme ich entgegen meiner sonst zurückhaltenden, sprich: blindkaufwütigen Art jedes Mal an, und zwar aus zwei Gründen. Erstens sprechen die Damen gutes Englisch. Das ist in Japan und leider auch in den hiesigen Plattenläden keine Selbstverständlichkeit. Man gerät daher sonst nur selten mir nichts, dir nichts in eine kleine Plauderei, wie wir sie bei Michelle so schätzen und an deren Ende man nicht selten mehr Vinyl von dannen trägt als geplant oder gar unversehens zum Teilhaber des Ladens wird. Zweitens gibt es als Belohnung für das fachsimpelnde Engagement bei Verlassen des Ladens stets ein Goodie. Es sind zwar meistens Buttons oder Aufkleber, die sich nun bei mir zu Hause ungenutzt stapeln, weil sie an Anzug oder Aktentasche arg deplatziert wirken (und am Auto bereits der Aufkleber „Dithmarschen – das letzte Abenteuer Europas“ prangt). Aber vielleicht bekomme ich ja eines Tages eines der technischen Gadgets angeboten, die man bei „Beams“ auch kaufen kann (Kopfhörer, Mischpültchen und so). Ich werde mich jedenfalls weiterhin durch Konsumfreude anbieten.

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